
Kirche St. Hedwig Waldstadt

Die Kirche St. Hedwig steht inmitten des Gemeindezentrums der katholischen Gemeinde mit Sälen, Büros und Kindergarten. An die 2500 Katholiken waren im Jahr 1960 noch ohne eigene kirchliche Versorgung. „Es gab alles – massenhaft Kinder – nur sonst nichts, keine Räume usw.“, wird ein Gemeindeglied zitiert. Die Arbeit begann damit, einen Kindergarten und dann im Keller einen Gottesdienstraum einzurichten. Nach langen Vorplanungen begannen die Arbeiten für den Kirchenbau im Jahr 1966, und ein Jahr später konnte er geweiht werden. Die Kirche trägt den Namen der großen Heiligen Schlesiens (1174–1243), die sich als Gemahlin von Herzog Heinrich I. von Schlesien um die Christianisierung des Landes bemühte und sich besonders stark um die Armen kümmerte. Bereits 1267 wurde sie heiliggesprochen. Seit etlichen Jahrhunderten gilt sie als die Nationalheilige Schlesiens. So erhielt Berlin schon im 18. Jahrhundert eine St. Hedwigskirche (heute Bistumssitz) für die vielen zugezogenen Schlesier. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die vertriebenen Schlesier ihre Hedwigsverehrung mit in die neuen Siedlungen im Westen Deutschlands. Inzwischen wird ihre Verehrung auch in Polen sehr geschätzt, und die Hl. Hedwig ist Patronin des Aussöhnungsprozesses von Deutschland und Polen.
Wohl einmalig in der Geschichte der Kirchen von Karlsruhe ist der Umstand, dass der entwerfende Architekt Friedrich Zwingmann und der gestaltende Künstler dieser Kirche Emil Wachter in der Waldstadt wohnten, ebenso wie die vielen Handwerker, die den Bau ausgeführt haben; eine seltene Symbiose. Friedrich Zwingmann legte seinem Entwurf das Quadrat und die Zahl Vier zugrunde. Im Inneren des quadratischen Kirchenraums mit seinen hohen Wänden tragen vier schlanke Stützen das flache Gewölbe, das wie vier auf der Spitze stehende Pyramiden gebildet ist. Ein schmales Fensterband ist zwischen Wände und Decke eingeschoben, ein weiteres teilt die Wand. Seitenkapelle, Sakristei und Eingänge sind konsequent in das Quadratschema eingepasst. Das Baumaterial ist durchgehend Stahlbeton. Die materielle Einheit, die in einem Kirchengebäude im Mittelalter in einem langen Prozess hergestellt wurde, erscheint hier mit dem modernen Baumaterial wiederholt. Beton wird an der Baustelle geformt, indem er in vorgefertigte Schalen gegossen wird. An vielen Stellen ist die Maserung der verwendeten Holzbretter der Schalung im Beton abgedrückt und absichtlich nicht beseitigt worden. Die Gestaltung der Betonwand hatte Emil Wachter übernommen.
Figuren waren durch Styroporeinlagen vorgeformt, er konnte an der halbfertigen Wand, die im rohen Relief stand, wie ein Bildhauer weiterarbeiten. Außerdem hat er die Glasfenster entworfen, so dass hier eines seiner großen Gesamtkunstwerke entstanden ist. Heute wirkt der Raum allerdings anders, denn bei der großen Renovierung 1992/93 hat Emil Wachter sein eigenes Werk farbig gefasst, mit Unterstützung seiner Tochter Simone. Am Ende des 20. Jahrhunderts war die Forderung nach Licht und Farbe übermächtig geworden. Symbolzahlen bestimmen die weitere Einteilung des Kircheninneren. Jede Wand ist in vier waagerechte Zonen unterteilt, über der Sockelwand verbleiben drei Bilderstreifen. Über der Altarinsel nehmen drei Bäume die ganze Wandfläche ein. Sie sind belebt, Vögel nisten und fliegen in ihnen. Die Drei steht für die Trinität, für Glaube, Liebe und Hoffnung, aber auch für das Leben allgemein. Die Südwand ist dem Alten Testament gewidmet, die Elemente weisen auf die Schöpfung hin, Mose streckt seine Arme hilfesuchend dem in der Feuersäule erscheinenden Gott entgegen. Die Nordwand gegenüber beschäftigt sich mit der Erlösungstat des Neuen Testaments, mit dem Leiden Jesu. Die Marterwerkzeuge fallen sofort auf, oder das Schachbrett als Fußboden, auf dem die Menschen um die Gewänder Jesu schacherten oder ganz ihrem eigenen Antrieb folgen. In der Mitte zerreißt der Vorhang des Tempels, der die Sterbestunde Jesu markiert, daneben die Pfingstfeuerrose, Symbol für den Heiligen Geist. Die Rückwand schließlich, die wegen der Orgelempore ein kleineres Bildprogramm enthält, ist dem Leben auf der Erde gewidmet, Haus und Baum, Katze und Vogel zeigen uns die Alltagswelt.
Zwei schmale Glasbänder rahmen die große Bilderzählung der Wände ein. Der obere Glasstreifen, der erst bei der Renovierung 1992 installiert wurde, behandelt die Zahl Drei, das Göttliche. Das untere, bereits 1967 fertig gestellte Glasband ist der Zahl Vier gewidmet. Durch seine Farbigkeit werden die vier Jahreszeiten dargestellt. Es führt uns zu dem irdischen Geschehen. Die Sockelwand hinter dem Altar schließlich schmückt ein großer Teppich mit dem Leben der Hl. Hedwig, die vom himmlischen zum irdischen Geschehen vermittelt.
Zum Gesamtkunstwerk der St. Hedwigskirche gehören auch ihre Glocken, die sie zur Weihe 1967 erhalten hat. Emil Wachter hat für sie die Glockenzier entworfen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung dieser alten Art des Glockenschmucks geliefert.
![]() | Dieser Text stammt aus dem 2015 erschienenen Kirchenführer mit dem Titel "Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge". Er stellt sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen im Stadtgebiet sowie die Synagoge vor und bietet eine Einführung in die Religionsgeschichte der Stadt. Er wurde gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche in Karlsruhe herausgegeben und ist für 12,90€ im Buchhandel sowie beim Bildungszentrum Karlsruhe erhältlich. |
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