
Kirche St. Bernhard Oststadt


Am Beginn der Oststadt erhebt sich die neogotische Kirche St. Bernhard. Der Fassadenturm reckt sich mit seiner Spitze 93 Meter in die Höhe (der höchste Kirchturm der Stadt) und ist schon von der Stadtmitte aus zu sehen. Hinter ihm schließt sich das dreischiffige basilikale Langhaus an. Das Querhaus und der Chor bilden eine weit ausgreifende Dreikonchenanlage. Eine weit vorstehende gotische Achskapelle – in Wirklichkeit die Sakristei – schließt den stattlichen Kirchenbau malerisch ab. Die St. Bernhardskirche ist nicht nur die zweite katholische Hauptkirche von Karlsruhe, sondern auch der bedeutendste späthistoristische Kirchenbau des Großherzogtums. Darüber hinaus ist ihre städtebauliche Situation nicht zu vergessen.
Im Jahr 1885 zählte Karlsruhe 25.000 katholische Einwohner und hatte mit St. Stephan nach wie vor nur ein katholisches Kirchengebäude. Schon 1853 hatte Heinrich Hübsch den Entwurf für eine zweite katholische Kirche vorgelegt, interessanterweise bereits für einen Platz nahe dem Durlacher Tor, aber der badische, später der preußische Kulturkampf verhinderten jede Bauaktivität. Ende der 1880er-Jahre löste sich der Knoten. Das „Ortskirchensteuergesetz“ vom 26.7.1888 eröffnete neue Finanzierungsmöglichkeiten auch für große Bauprojekte, weil in der Gründerzeit das Steueraufkommen entsprechend stark anstieg. Noch wichtiger aber waren die politischen Weichenstellungen. In der Audienz vom 15. Februar 1888 überließ Großherzog Friedrich der katholischen Stiftungskommission eine Parzelle des Hofküchengartens, die als öffentliche Anlage eigentlich unbebaut bleiben sollte. Innerhalb von fünf Jahren sollte ein „der Schenkung und der Residenzstadt würdiges Gotteshaus entstehen“, während im Bahnhofsviertel schell ein einfacher Kirchenbau realisiert werden sollte.
Noch im gleichen Monat legte Adolf Williard, der Vorstand des Erzbischöflichen Bauamts Karlsruhe, erste Entwurfsskizzen für einen „hochbedeutungsvollen Monumentalbau“ im frühchristlichen Stil und mit mächtiger Kuppel vor. Zwar wurde der Entwurf von der örtlichen Stiftungskommission als zu aufwendig abgelehnt und wegen des daraus resultierenden Ärgers bat Williard um Entpflichtung von dem Auftrag, aber die urbanistische Bedeutung des Projekts hatte er durchaus richtig erfasst. Daraufhin wurde Franz Jakob Schmitt, der gerade mit der Südstadtkirche beschäftigt war, um einen neuen Entwurf gebeten. Das Urteil über diesen Plan fiel vernichtend aus und es wurde gefordert, „das Beste was zu erlangen ist, sollte bei der großen Bedeutung des vorliegenden Baues angestrebt werden.“ Erzbischof Roos, der am 19. Oktober 1891 anlässlich der Konsekration der Liebfrauenkirche in Karlsruhe weilte, sprach sich dafür aus, mit einem wirklich erfahrenen Architekten in Verbindung zu treten Damit kam Max Meckel ins Spiel, der Favorit des Erzbischofs, der allerdings erst 1892 seine Stelle als erzbischöflicher Baudirektor antrat.
Meckels gotischer Entwurf überzeugte, sowohl in städtebaulicher Hinsicht als auch die innere Organisation des Bauwerks betreffend. Die Lage, natürlich dieselbe wie die früheren Planungen, war sehr geschickt: Das Durlacher Tor bildet den Abschluss einer 4.000 Meter langen Achse, die sich durch das neue, gründerzeitliche Karlsruhe zieht. Sie umfasst nicht nur die Kaiserstraße, sondern auch ihre Fortführung vom Mühlburger Tor nach Mühlburg. Dieser Straßenzug, der quer zur „Via triumphalis“ liegt, markiert nicht mehr den Weg vom Schloss zur Stadt, sondern die geschäftige Hauptstraße der Stadt, die am Marktplatz ihren Mittelpunkt hat. Hier markiert die neue Kirche einen „point-de-vue“, wie er besser nicht sein könnte: der 93 Meter hohe Turm der Kirche, noch dazu unauffällig auf einen Sockel von ca. zwei Meter Höhe gestellt, ist von weitem durch die Straßenschlucht erkennbar. Er stellt „die zu Stein gewordene Versöhnung von katholischer Kirche und badischem Staat am Ende der Kulturkampfzeit“ dar. Auch das Kirchenpatrozinium St. Bernhard gehört dazu. Denn dabei handelte es sich um den „Hausheiligen“ des Hauses Baden, Bernhard von Baden, der bei Kreuzzugsvorbereitungen am 15. Juli 1458 in Moncalieri bei Turin ums Leben kam. Von der Katholischen Kirche 1769 selig gesprochen, steht der Heiligsprechungsprozess noch an. Mit dem Sichtbarwerden des katholischen Baden in der Residenzstadt war ein weiteres Stück Gleichstellung der Katholiken erreicht worden.
Die Kirche selbst in ihrer dreischiffigen Anlage und mit dem Chor in Form eines Kleeblattes hat sein Vorbild am ehesten in der Marburger Elisabethkirche. Mit der Wahl dieser Kirche trat ein bemerkenswerter Wandel bei der Suche nach Vorbildern für den zeitgenössischen historistischen Kirchenbau ein: Nicht mehr die französische Gotik wie der Kölner Dom, sondern die Marburger Kirche als Idealtyp reinster deutscher Gotik war nun gefragt – allerdings mit einem markanten Unterschied bei der Fassade: Marburg hat eine Doppelturmfassade, St. Bernhard nur einen Turm. Dafür war wiederum die städtebauliche „point-de-vue“-Situation verantwortlich, aber auch das zweite Vorbild, das Baden selbst lieferte, nämlich das Freiburger Münster. Noch manche andere Einzelheit wurde vom Freiburger Turm übernommen, unter anderem die Ausführung in Haustein. Dieser Wunsch des Großherzogs, aus Repräsentanzgründen geäußert, verteuerte allerdings den Bau um eine nicht unerhebliche Summe.
In noch anderer Hinsicht wurde St. Bernhard ein Musterbau, nämlich was die innere Einteilung angeht. Ähnlich wie im Protestantismus gab es in den Jahren um 1890 auch im Katholizismus eine heftige Diskussion über die Grundrissdisposition der Kirchen. Der Theologe und Kunstgelehrte Friedrich Schneider forderte eine stärkere Berücksichtigung der liturgischen Erfordernisse und der Bedürfnisse der Gottesdienstbesucher. In der Quintessenz forderte Schneider einen weiten, von allen überschaubaren Gottesdienstraum für ca. 1.000 Besucher und daneben Kapellen für die private Andacht. Meckel hat mit seinen Plänen bereits auf diese Diskussionen reagiert, indem er alle Sitzplätze der Bernhardskirche in dem mit 11,5 Meter außerordentlich breiten Mittelschiff konzentrierte und die Seitenschiffe quasi zu Laufgängen reduzierte. Eine größere Anzahl von Kapellen wurde in den Querhausarmen eingerichtet. Daraus wird ersichtlich, dass der mittelalterliche Vorbildbau – hier die Elisabethkirche in Marburg – nur noch einen ästhetischen Vorbildcharakter hatte und die äußere Form mit ganz anderen Inhalten gefüllt wurde.
Für den frisch nach Freiburg berufenen Max Meckel wurde St. Bernhard eine badische Musterkirche, an der er seine Vorstellungen von Kirchenbau realisieren konnte bzw. wollte. Denn so einfach war auch nicht alles zu erreichen, immer wieder gab es Auseinandersetzungen mit den früher ausgeschalteten Architekten oder über Angelegenheiten des Baubetriebs selbst. Das Bauamt war lange Zeit nicht in der Lage, Meckels Aufträge im gewünschten Umfang und in der gewünschten Akkuratesse auszuführen. Meckel schaltete sein eigenes Frankfurter Baubüro ein, was zu neuen Spannungen führte.
Am 26. Oktober 1902 wurde St. Bernhard feierlich eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt war der Bau zwar fertig, aber die Ausstattung nur zu einem kleinen Teil. Die farbigen Glasfenster von Helmle & Merzweiler und von Linnemann sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die Ausstattung mit Altären aus der Freiburger Werkstatt Josef Dettlinger zog sich über Jahrzehnte, bis in die 1930er-Jahre, hin. Dabei ist es durchaus interessant, die Arbeit der Werkstatt, die für ihre historistischen Werke im Stil des Spätmittelalters bekannt ist, über die Jahrzehnte zu verfolgen (1905 Franziskus-Altar, 1921–1926 Marien-Altar, 1927 Herz-Jesu-Altar, 1928 Bernhards-Altar, 1936 Josefs-Altar). Ein besonderes Ausstattungsstück wurde der Hochaltar (Mezger, Überlingen), für den eigens der Karlsruher Privatier Heinrich Bauer 18.000 Mark stiftete. Im Grunde wurde die Ausstattung nie vollendet, blieb manches wie zum Beispiel die Ausmalung der Wände unfertig liegen.
Bei den Bombenangriffen am 8. September 1944 wurde die Kirche schwer beschädigt, unter anderem wurden alle Glasmalereien zerstört. Nach einer Notsicherung unmittelbar nach dem Krieg hat Werner Groh die Kirche 1953/54 umfassend renoviert. Eine grundlegende Sanierung wurde erst nach dem Einbau des neuen Zelebrationsaltars begonnen (1975, Frido Lehr). So hat der Innenraum 1991 eine Neuausmalung nach Entwürfen von Eva Lehr erhalten, die sich harmonisch an die Architektur anlehnt, und mit denen die Kirche nun endlich komplettiert wurde. 2010 konnte die Außensanierung abgeschlossen werden.
![]() | Dieser Text stammt aus dem 2015 erschienenen Kirchenführer mit dem Titel "Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge". Er stellt sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen im Stadtgebiet sowie die Synagoge vor und bietet eine Einführung in die Religionsgeschichte der Stadt. Er wurde gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche in Karlsruhe herausgegeben und ist für 12,90€ im Buchhandel sowie beim Bildungszentrum Karlsruhe erhältlich. |
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