![]() | Dieser Text stammt aus dem 2015 erschienenen Kirchenführer mit dem Titel "Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge". Er stellt sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen im Stadtgebiet sowie die Synagoge vor und bietet eine Einführung in die Religionsgeschichte der Stadt. Er wurde gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche in Karlsruhe herausgegeben und ist für 12,90€ im Buchhandel sowie beim Bildungszentrum Karlsruhe erhältlich. |
Albkapelle St. Nikolaus
Nahe am ehemaligen Schloss von Rüppurr im unteren Dorf liegt die Kirche St. Nikolaus, die heute eine katholische Filialkirche von Christkönig ist. Die jetzige Kirche war 1774 als evangelische Kirche errichtet worden, und diese hatte Vorgänger, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Eine erste Nikolauskirche wurde nämlich schon 1351 erwähnt. Früh hatte das Zisterzienserinnen-Kloster Lichtenthal ein Besitzrecht an dieser Kirche, so dass im 17. und 18. Jahrhundert der interessante Fall eintrat, dass ein katholisches Kloster für eine inzwischen evangelisch gewordene Kirche zu sorgen hatte. Daran waren aber die Nonnen von Baden-Baden wenig interessiert. Im 18. Jahrhundert ist daher die bestehende Kirche nicht viel mehr als eine Bauruine gewesen. 1763 war noch ein kleines Glöcklein angeschafft worden, weil es sonst in der Gemeinde keine Uhr gegeben hätte. Zehn Jahre später wurde die Kirche für den Gottesdienst gesperrt, einen Prozess um die Bezahlung einer neuen Kirche führten die Markgrafen von Baden-Durlach schon seit einiger Zeit mit den Nonnen. Im Jahr 1774 war es so weit. Das Oberamt Durlach ließ den Lichtenthalschen Zehnten in Beschlag nehmen, um die Finanzierung des Neubaus zu erzwingen. Der Prozess vor dem Reichskammergericht dauerte schließlich von 1755 bis 1791 und endete in einem typischen Kompromiss: Das Kloster trat seinen Zehnten an die Landesherrschaft ab, die dafür die Baupflicht für die Rüppurrer Kirche übernahm.
Johann Friedrich Weyhing hatte seit 1771 Pläne für einen Neubau gemacht, 1774 den Plan aufgestellt, nach dem die Kirche dann auch bis 1776 verwirklicht wurde, ein typischer Kompromissplan, der Geld sparen half, denn das Prozessende war noch nicht abzusehen. Der Glockenturm mit seiner einfachen Spitze wurde aus dem Altbau übernommen. An ihn schließt sich ein rechteckiger Saalbau derart an, dass der Turm an die Mitte der Längsseite zu stehen kam. Gegenüber dem Turm wurde ein kleinerer Annexbau angefügt, organisatorisch das Herz der Anlage. Interessant an dieser Disposition ist, dass Weyhing damit eine typisch protestantische Gestühl- und Altaranordnung der Barockzeit realisiert hat: Angelpunkt ist der Altar in der Mitte der Längsseite, über dem die Kanzel platziert wurde (der Anbau nahm die Treppe zur Kanzel sowie die Sakristei auf). Um den Kanzelalter wurden die Bankreihen und Emporen so angeordnet, dass der Blickkontakt zum Prediger optimal war (eine sog. evang. Predigerkirche).
Die Nikolauskirche hat manche Denkwürdigkeit miterlebt, so am Pfingstmontag 1823, als der konvertierte Pfarrer Aloys Henhöfer hier vor dem Großherzog Ludwig, der wie damals üblich gleichzeitig oberster Bischof der Kirche war, eine Probepredigt halten musste. Staatsminister Winter beklagte sich über den schroffen Pietisten, doch der Großherzog meinte: „Nun habe ich wieder seit 20 Jahren eine evangelische Predigt gehört.“ Prälat Johann Peter Hebel saß ebenfalls unter den Zuhörern.
So ideal die Kirche im 18. Jahrhundert geplant war, so wenig entsprach sie den Erwartungen und Entwicklungen der evangelischen Gemeinde von Rüppurr am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie lag zu weit vom eigentlichen Dorf entfernt und wurde bald zu klein. Deswegen plante die ev. Gemeinde um 1900 einen Neubau und zog 1908 aus der Nikolauskirche aus. Dankbare Abnehmer waren die Katholiken, deren Zahl in dieser Zeit stark zugenommen hatte. Noch im Jahr 1908 wurde die Kirche übernommen, und die anfängliche Sitzordnung und Altarstellung zeigt, wie viel Mobiliar man einfach stehengelassen hatte. Erst allmählich wurde aus ihr eine typische katholische Kirche mit Kniebänken und Kommunionschranken.
Im Jahre 1936 konnte die katholische Gemeinde ihrerseits ihre neue Christkönigskirche beziehen, das Schicksal der alten Nikolauskirche, die längst als vaterländisches Denkmal galt, war durch Leerstand wieder gefährdet. Doch die katholische Gemeinde hielt am Besitz fest, bestärkt sicher durch ein Gelübde, das die Pfarrgemeinde am Christkönigsfest 1944 abgelegt hatte – man versprach eine jährliche Dankprozession zum alten St. Nikolauskirchlein. Allerdings müsse die Kirche praktischer eingerichtet werden, wogegen die Denkmalpflege keine Einwände hatte.
Erstaunlicherweise wurde unmittelbar nach dem Krieg mit dem Umbau begonnen und dieser 1946/47 zu Ende geführt, aller materiellen Not zum Trotz. Der Kirchenraum wurde nun „normgerecht“ orientiert, die Bänke in der Längsrichtung aufgestellt. Bleibendes Kunstwerk dieser Phase ist das Glasfenster mit der Darstellung des Hl. Nikolaus von Clara Kress, das über dem Altar angebracht wurde. Es wurde 1948 in einer Berliner Kunstwerkstätte hergestellt und musste wegen der Berlin-Blockade über die Luftbrücke in den Westen Deutschlands geflogen werden.
Auch dieser Ausstattung war keine Dauer beschieden. In den Jahren 1975/76 wurde die Kirche im Innern nochmals radikal verändert. Die gesamte Einrichtung der Nachkriegszeit wurde entfernt, der Begriff Entkernen ist hier angebracht. Jetzt wurde die Kirche wieder quer eingerichtet. Zusammengekettete Einzelstühle stehen im Bogen um den Altar in der Mitte der Längsseite und nehmen im Prinzip die alte evangelische Ausrichtung wieder auf. Gudrun Schreiner entwarf mit viel Geschick die Altarinsel und die Rosette darüber, ein herrlicher Blickfang: Die große blütenförmige Rosette aus blau gefasstem Holz zeigt mit ihren einzelnen Blütenblättern Darstellungen der Seligpreisungen aus der Bergpredigt. Die beiden Gesetzestafeln dekorieren den Altar, ein Herz den Ambo, zusammen Symbole des Alten und Neuen Bundes. Die Grabplatte mit dem Herzen des Reinhard von Rüppurr (gest. 1533), des in den Umbruchszeiten um 1500 wenig glücklich agierenden Bischofs von Worms, befindet sich im Turm.
Adresse
Rastatter Straße 20
76199 Karlsruhe






