![]() | Dieser Text stammt aus dem 2015 erschienenen Kirchenführer mit dem Titel "Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge". Er stellt sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen im Stadtgebiet sowie die Synagoge vor und bietet eine Einführung in die Religionsgeschichte der Stadt. Er wurde gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche in Karlsruhe herausgegeben und ist für 12,90€ im Buchhandel sowie beim Bildungszentrum Karlsruhe erhältlich. |
Kirche St. Cyriakus Bulach
Ungefähr in der Mitte des Straßendorfes Bulach liegt die Kirche St. Cyriakus. Eine erste Kirche diesen Namens wird im Jahr 1388 erwähnt, die mehrfach verändert wurde. Im 18. Jahrhundert entstand nach den Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges unter der Leitung des Rastatter Baumeisters Johann Ludwig Michael Rohrer ein fast kompletter Neubau, der schon wenige Jahrzehnte später als baufällig bezeichnet wurde. Auf einen Neubau mussten die Bulacher dennoch lange warten, bis Heinrich Hübsch den Kirchbau übernahm und die Musterkirche des 19. Jahrhunderts errichtete.
Heinrich Hübsch hatte 1827 seine Stelle als Residenzbaumeister und damit auch die Nachfolge von Weinbrenner angetreten. Im Jahr darauf publizierte er seine Schrift „In welchem Style sollen wir bauen?“, womit er auf ein wichtiges Problem des Bauwesens seiner Zeit hinweisen wollte. Auch im Kirchenbau war dies besonders akut. Im Fall Bulach hat er sich die Planungen vorlegen lassen. Er fand in den Entwürfen „gedrückte Verhältnisse“ und „wahrhaft entmutigende Armut“. Er errechnete in dem Projekt Kosten von 19.953 Gulden und kommentierte: „Zum Beweis, dass selbst um 400 Gulden weniger eine dauerhafte und anständige Kirche gebaut werden kann, legen wir hier einen Entwurf nebst detaillierter Kostenberechnung im Totalbetrag von 19.552 Gulden bei.“ Bei seinem Alternativentwurf, den er in den nächsten Jahren noch verbesserte, kam es ihm auf unterschiedliche Aspekte an: Der Kirchenbau war für ihn die höchste Aufgabe eines Architekten. Trotzdem sollte er kostengünstig sein, d. h. die Materialien und Techniken müssen auch diesen Prinzipien unterworfen sein. Und das wichtigste Argument war die Stilwahl, mit der er sich direkt von Weinbrenner absetzte. „Nach unserer nunmehrigen Überzeugung ist die antike Architektur für eine christliche Kirche durchaus unpassend: erstlich steht sie den Bedürfnissen … einer Kirche geradezu entgegen, zweitens erfordert sie einen sehr großen Kostenaufwand, und drittens gewährt sie, da ihre Formen einem südlichen Klima angehören, in unserem nördlichen Klima keine Dauer, und zieht fortwährende Reparaturen nach sich. Eine solche Kirche, welcher also beide Hauptforderungen der Baukunst – die Zweckmäßigkeit und die Dauer – fehlen, kann demnach auch nicht schön sein.“ Mit diesen Worten als neuer Residenzbaumeister gab er für den Kirchenbau der nächsten Jahrzehnte völlig neue Leitlinien vor. Sie führen direkt zum Historismus.
Bewusst wählte Hübsch daher nicht klassisch-antike Bauformen, sondern frühchristliche, die er ebenfalls in Rom ausführlich hatte studieren können. Als die gebräuchlichste aller Kirchenbauformen musste es natürlich eine Basilika sein, eine Kirche mit drei Schiffen, deren mittleres so sehr erhöht wird, dass es eigenes Licht erhält. Als „ehrliche“ Architektur kann die Basilikaform schon an der Fassade abgelesen werden. Den Turm, ursprünglich an der Fassade platziert, nahm er als Doppelturmmotiv an die Chorseite. Großen Wert legte Hübsch auf Material und Ornament, Aspekte, die er in Bulach erstmals komplett realisieren konnte. Unter der Giebelschräge läuft ein Rosettenband um, Konsolgesimse, Fensterrahmungen mit Ornamentbändern, Lisenen und Pfeilervorlagen an Mauern (die auch statisch wirksam sind).
Ornamentsteine, die aus Ton gebrannt wurden, waren wesentlich billiger als Haustein. Auch mit der Eindeckung der Kirchenschiffe beschäftigte sich Hübsch sehr intensiv und fand neue Möglichkeiten. In den Seitenschiffen realisierte er einseitig ansteigende Gewölbe, weil diese Art Gewölbe „nur einen halben Backstein“ (4 ½ Zoll, ca. 11 cm) dick sind, was eine enorme Materialersparnis bedeutete. Um ideale, also kostensparende und stabile Gewölbe zu entwerfen, hatte er ein Kettenlinienmodell entwickelt. Auch zur Ausstattung hatte Hübsch sich Gedanken gemacht. Der Hochaltar musste nicht aufwendig gestaltet sein wie im späten Mittelalter; ein schlichter Altartisch, „wie sich solche in den älteren Kirchen Roms gewöhnlich finden“, reichte aus. Stattdessen sollten die Wände in edler Freskotechnik bemalt sein. Dafür gewann er Johann Friedrich Dietrich, der den Chor 1838–39 im Stil der Nazarener mit den Szenen der Anbetung, Ölberg, Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung schmückte. Am 21. Oktober 1837 wurde St. Cyriakus, die Musterkirche von Heinrich Hübsch, feierlich geweiht.
Als „Idealkirche“ von Heinrich Hübsch war sie nicht unbedingt ideal, und sie blieb auch nicht von späteren Veränderungen verschont. Die offene Vorhalle musste wegen eines fehlenden Windfangs doch mit Türen geschützt werden (heute Glastüren). Die Renovierung von 1907-08, bei der die Wände der Kirche mit großen Bildprogrammen ausgestattet wurden, ist inzwischen weitgehend rückgängig gemacht worden. Aus dieser Zeit blieb lediglich der monumentale Kreuzweg bestehen. Das schönste Schmuckstück stellt das Orgelgehäuse aus dem Jahr 1753 dar, das 1906 aus der Baden-Badener Stiftskirche hierher abgegeben wurde und heute eine Voit-Orgel enthält. In den Jahren 1937-38 schuf Emil Sutor den Zyklus von „Säulenheiligen“ an den Mittelschiffsäulen, darunter den Seligen Bernhard von Baden. Mit dem neuen Zelebrationsaltar von Frido Lehr mit Majolikafliesen von Eva Lehr war die liturgische Erneuerung erst einmal beendet.
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