St. Stephan ist historisch die erste katholische Pfarrgemeinde in Karlsruhe, sie ist Citykirche und liegt mitten in der Innenstadt. Sie gehört zur Seelsorgeeinheit Karlsruhe Allerheiligen.

St. Stephan ist historisch die erste katholische Pfarrgemeinde in Karlsruhe, sie ist Citykirche und liegt mitten in der Innenstadt. Sie gehört zur Seelsorgeeinheit Karlsruhe Allerheiligen.

Die katholische Stadtkirche St. Stephan liegt etwas abseits der zentralen Achse des Stadtplans in einem eigenen Straßengeviert. Die Genese dieser Kirche ist ähnlich komplex wie die der evang. Stadtkirche. Aufgrund des Privilegienbriefs von 1715 konnten sich auch Katholiken in Karlsruhe ansiedeln, aber es war ihnen nicht gestattet, eine Kirche zu bauen. Deshalb wurde 1718 am Zirkel Ecke Lammstraße ein Haus als Bethaus eingerichtet, das 1765 durch den Ankauf eines benachbarten Hauses erweitert bzw. sogar neu gebaut werden konnte. Kapuziner betreuten das Haus mit Gebets-, Schul- und Wohnraum. Anfang des 19. Jahrhunderts war diese Situation unerträglich geworden. 1802 waren zumindest theoretisch die Vorbereitungen für den Bau einer eigenen Stadtkirche getroffen worden, vier Jahre zuvor war bereits mit dem Bau einer großen Synagoge begonnen worden. Am 28. März 1804 genehmigte Kurfürst (so sein damaliger Titel) Karl Friedrich die „Gründung und ordentliche Einrichtung eines hiesigen Katholischen Kirchspiels-Gottesdienstes, desgleichen eine Katholische Kirchspiels-Kirche mit Turm, Uhr, Glocken, samt Glockengeläut und Orgel, mit Schul- und Pfarrhaus“. Alles, was die äußerlichen Zeichen einer legitimen Kirche angeht, war genehmigt und konnte gebaut werden, aber die Gemeinde war bettelarm. Das Geld reichte nicht einmal zum Kauf neuer Altarkerzen. Es wurde sogar verfügt, „das Ewige Licht zur Nacht auszulöschen“, um kleinste Beträge zu sammeln. Im April 1807 sandte Papst Pius VII. einen Ablassbrief, doch „vom Ablass-Regen wachsen heute keine Kirchen mehr“, wie der zuständige katholische Staatsbeamte Caspar Joseph Oehl bemerkte. Weinbrenner machte schon Entwürfe für eine nochmalige Vergrößerung des Provisoriums an der Lammstraße, da kam unerwartet Hilfe: Das Vermächtnis der katholischen Markgräfin Maria Victoria zu Baden-Baden (1714–1793) in Höhe von 60.000 Gulden stand zur Verfügung, das Grundstück an der Erbprinzenstraße war bebaubar und Markgraf Karl Friedrich schenkte dieses der katholischen Gemeinde. Der Kirchenvorstand stellte ein ehrgeiziges Programm auf: eine Kirche für 3000 Menschen, mit Turm auf dem Chor, so hoch zu bauen, dass das Geläut in der ganzen Stadt zu hören war. Eine solche Mammutkirche war aber mit dem vermachten Geld nicht zu finanzieren. Zumindest was die Größe anging, wurden die Pläne zurechtgestutzt, aber die anderen Forderungen blieben bestehen.
Weinbrenner lieferte von Anfang an einen Entwurf auf der Basis eines Rundbaus, was den Wünschen der Gemeinde nach einer einfachen Langhauskirche mit Turm diametral entgegenstand. Gleichzeitig widerstrebte es ihm, dem Bau einen Turm aufzusetzen, weil dies nicht zu einem Rundbau passe. Aber die katholische Gemeinde war aus verständlichen Gründen gerade am Kirchturm interessiert. Weinbrenner legte Pläne und Berechnungen vor, nach denen seine Rundkirche sogar wesentlich billiger käme als ein Langhausbau, wobei er kunstvoll seine Berechnungsgrundlagen verschleierte. In den kommenden Monaten und Jahren fiel ein Briefwechsel zwischen Kirchenvorstand und Weinbrenner an, der an Heftigkeit kaum zu überbieten ist. Inzwischen hatte die katholische Gemeinde aber eine weitere wichtige Fürsprecherin bekommen – Stéphanie de Beauharnais, die Adoptivtochter Napoleons (1789–1860). Ihre Hochzeit im April 1806 mit dem Erbprinzen Karl von Baden besiegelte das Bündnis Badens mit Napoleon und die damit verbundene Rangerhöhung zum Großherzogtum. Damit gab es im regierenden Haus wieder ein katholisches Mitglied. Am 25. Mai 1808 griff der Großherzog schlichtend ein, indem er betonte, die Form der Kirche könne nach eigenem Gutdünken gewählt werden, aber sie müsse, gegebenenfalls auch gegen ästhetische Argumente, einen genügend hohen Turm erhalten. Weinbrenner musste sich geschlagen geben, wählte „das kleinere Übel“ und rettete so seinen Rundbau, der nun ausgeführt wurde. Bereits am 8. Juni 1808 wurde der Grundstein gelegt. Bis zur Weihe gab es noch mancherlei Schwierigkeiten zu meistern, so dass diese erst am 26. Dezember 1824 erfolgte, am Tag des Hl. Stephanus. Mit der Namensgebung wurde nicht zufällig der neuen Wohltäterin gehuldigt.
Die Raumform, die Weinbrenner wählte, war durchaus nicht eine sklavische Imitation des römischen Pantheons. Weinbrenner wählte als Grundform „eine mit einer Kuppel versehene Kreuzkirche“, wobei der Rundbau mit 30 m Durchmesser gewaltige Ausmaße hat. Der kreisrunde Bau steigt bis in die halbe Höhe des Kuppelscheitels senkrecht auf. In dieser Höhe setzen die Tonnengewölbe der Seitenarme und zugleich die große Kuppelwölbung an. Die Kirche erhielt ihre Ausrichtung dadurch, dass an der Fassade eine große tempelartige Vorhalle vorgesetzt wurde, der gegenüber der auf den Chor gesetzte Glockenturm antwortet. Die Kuppel selbst war eine kühne, aber auch solide Holzkonstruktion, die im Scheitelpunkt ein „Auge“ (Opaion) freiließ. Kuppel und Vorhalle, das waren die beiden Komponenten, welche die Stephanskirche dem Pantheon vergleichbar machten.
Die anspruchsvolle Architektur soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass letztendlich doch der Rotstift angesetzt werden musste. Die Gemeinde verzichtete schon sehr früh auf begleitende neue Gebäude (wie Pfarrhaus, Schulhaus und Säulenhallen), die den Platz sehr reizvoll gestaltet hätten. Die Innenausstattung – Orgel, Uhrwerk und Glocken – wurde großenteils aus dem aufgelassenen Kloster St. Blasien übernommen. Mit dem Hochaltarbild der „Steinigung des Hl. Stephanus“, das die Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder im Jahr 1831 im Auftrag des Großherzogs geschaffen hat, begannen die ersten Veränderungen in der Kirche. Denn Weinbrenner hätte dieses „süßliche“ Bild in der Tradition der Nazarener nie in seiner Kirche geduldet (heute im westlichen Querarm). Zur gleichen Zeit wurde aus Konstanz das Relief der Dreifaltigkeit von Hans Morinck aus den Jahren 1598/99 nach Karlsruhe überwiesen (heute in der Dreifaltigkeitskapelle). Um 1880 wurde damit begonnen, das Aussehen der Stephanskirche gründlich zu verändern. Unter anderem wurde der Putz abgeschlagen, so dass das rohe Steinmauerwerk sichtbar wurde. Der Klassizismus war unmodern geworden, pseudo-„mittelalterliches“ Aussehen wie in der Burgenromantik war en vogue.
Im Zweiten Weltkrieg brannte St. Stephan bis auf die Außenmauern aus, und es ging unmittelbar nach dem Krieg darum, in der Innenstadt einen katholischen Kirchenraum rasch wieder nutzbar zu machen, weil alle katholischen Kirchenzerstört oder unbrauchbar waren. Architekt Hans Rolli vom Erzbischöflichen Bauamt entschied sich für eine neuartige Kuppelkonstruktion: 64 vorgefertigte Betonfertigteile in Form von gekrümmten T-Trägern wurden in einen Zugring am Kuppelfuß und Druckring an der mittleren Öffnung eingespannt. Die Wände selbst blieben in ihrem unverputzten Rohzustand. Dadurch entstand ein völlig neuer Raumeindruck, der mit dem ursprünglichen Erscheinungsbild der Weinbrennerkirche kaum noch etwas zu tun hatte, aber von den Idealen der aktuellen Karlsruher Architekturtheorie geprägt war. Am 12. Mai 1951 wurde die Kirche wieder in Gebrauch genommen.
Der neue Raum erhielt in dem folgenden Jahrzehnt eine vollkommen neue Ausstattung. Emil Wachter lieferte den Entwurf für die drei Bildteppiche (1963) im nördlichen Kreuzarm, die triptychonartig wie ein Altarbild auch heute noch hinter dem Hochaltar hängen. Der mittlere Teppich ist dem Hl. Stephans gewidmet, der linke zeigt den Baum der Erkenntnis und Maria mit dem Jesuskind, der rechte den Turmbau zu Babel und das Pfingstfest, immer Zeugnisse des Glaubens, die zum rechen Leben führen. Der Bildhauer Emil Sutor schuf die plastische Ausstattung, neben den Kreuzwegstationen (1957) vor allem die Glasmosaik-Madonna (diese bereits um 1930).
2011 wurde die Kirche im Inneren nochmals umgestaltet, nach den liturgischen Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils. Neue, gekurvte Bankreihen, die jetzt nur noch die Rotunde einnehmen und die Kreuzarme freilassen, wurden konzentrisch um die weit vorgezogene Altarinsel angeordnet, die Rolf Bodenseh aus griechischem Astir-Marmor als „Insel des Lichts“ gestaltete. Die Orgel der Firma Johannes Klais, die bereits 1957 eingerichtet worden war, wurde von derselben Firma nochmals vergrößert, so dass sie heute die zweitgrößte der Erzdiözese Freiburg ist. Für die großen Gottesdienste erstrahlt der Innenraum unter einer LED-Lichtflut aus der Kuppelmitte. Für Konzerte wird vor den Wachter-Teppichen ein gläsernes Akustiksegel ausgefahren.
![]() | Dieser Text stammt aus dem 2015 erschienenen Kirchenführer mit dem Titel "Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge". Er stellt sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen im Stadtgebiet sowie die Synagoge vor und bietet eine Einführung in die Religionsgeschichte der Stadt. Er wurde gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche in Karlsruhe herausgegeben und ist für 12,90€ im Buchhandel sowie beim Bildungszentrum Karlsruhe erhältlich. |